Porträt

Tino Chrupalla – der Mann hinter den Zuschreibungen

Tino Chrupalla ist Bundesvorsitzender der AfD und Malermeister aus Weißwasser. Seine Geschichte ist Resonanzraum für eine ostdeutsche Umbrucherzählung. Ein Porträt.

16 Min
In der Heimat: der AfD-Bundesvorsitzende und sein Hund Molly in Weißwasser.

In der Heimat: der AfD-Bundesvorsitzende und sein Hund Molly in Weißwasser.

© Markus Wächter/Ostdeutsche Allgemeine

An diesem Mittwochabend ist es in Weißwasser schon dunkel, als Tino Chrupalla zum Abendessen ins Hotel Kristall kommt. Draußen liegt diese Lausitzer Winterstille über der Stadt, wie ein Filter über etwas, das einmal größer war. Die Straßen wirken, als hätte man sie für ein Standbild angehalten. Drinnen ist es warm. Es wird bestellt wie überall, wo man nach einem langen Tag das Einfache nimmt: Pommes, Burger, irgendwas Deftiges. Die Zugereisten schauen in die Karte und greifen zur feinen Spezialität – Köstritzer Zwiebelfleisch vom Duroc-Schweinefilet, gepaart mit Rosmarin-Kartoffeln. Chrupalla sagt ohne Aufhebens: „Höchstens nehme ich einen kleinen Salat dazu. Also dass auf dem Teller auch etwas Salat mit drauf ist.“

Es ist ein Satz, der mehr über ihn verrät als viele Talkshowminuten. Weil er derselben Logik folgt, nach der Chrupalla auch Politik beschreibt: nicht als große Idee, sondern als Summe von Bedingungen. Wenn am Ende etwas stimmen soll, ein Teller, ein Betrieb, eine Region, dann muss es irgendwo beginnen.

Bei der ersten Begegnung zu Tische beginnt Tino Chrupalla nicht mit Berlin, nicht mit Alice Weidel, nicht mit Koalitionen. Er beginnt mit Weißwasser.

Über 40.000 Einwohner, sagt er, habe die Stadt mal gehabt. Heute seien es noch rund 14.000. Die Zahl kommt schnell, ohne Dramatisierung, wie eine Angabe aus dem Kopf, die nicht nachgeschlagen werden muss. Der Bruch, erzählt er, liege nach der Wiedervereinigung, als „die großen Glasbetriebe“ schlossen. Er nennt Namen, verortet Fabriken im Kopf, spricht vom Stölzle-Werk, das früher zum „Volkseigenen Betrieb Spezialglaswerk Einheit“ gehört habe. Heute werde noch produziert, „aber natürlich in einer ganz anderen Größenordnung“.

Und dann die nächste Zahl, die in dieser Stadt wie ein Echo hängen bleibt: „5000, 6000 Menschen“ hätten hier in der Glasindustrie gearbeitet, „mit Sicherheit“. Dazu Tagebau, Kraftwerk Boxberg. So erzählt er Weißwasser: als Dreiklang aus Glas, Kohle, Energie, und als Abbruchgeschichte.

Abwanderung ist bei ihm keine soziologische Kategorie, sondern eine Erfahrung, die man an leeren Straßen und geschlossenen Kindergärten abliest. „Fast drei Millionen junge Menschen“ seien nach der Wiedervereinigung in den Westen gegangen, sagt er. Das sei der Aderlass, den man heute sehe: „kaum noch Familien“, „kaum noch Kinder“, und irgendwann werden „Kindergärten geschlossen“. Chrupalla spricht über diese Dinge nicht im Ton der großen Anklage, sondern in dem eines Mannes, der sie als Normalzustand kennt, so wie andere das Wetter kennen.

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Politik ohne Stammkundschaft

Zwischen Essen, Bestellen und Tischlärm schiebt er plötzlich „nochmal zwei Sätze zu den Parteien“ nach, und damit, ohne es zu markieren, den Kern seines politischen Selbstverständnisses. Im Westen, sagt er, gebe es Parteibindung: CDU-Familien „von der Wiege bis zur Bahre“, SPD-Milieus. Im Osten gebe es das überhaupt nicht. Hier seien viele Wechselwähler. Viele wählten aus Frustration oder Enttäuschung. Wer einmal politisch „verschissen“ habe, werde nicht wiedergewählt; viele gingen dann gar nicht mehr wählen. Das könne uns auch passieren, falls die AfD irgendwann regiere und Erwartungen enttäusche.

In diesem Satz steckt weniger Ideologie als Angst vor dem einzigen Urteil, das in dieser Region zählt: dass man wieder nicht liefert.

Wahlkampf, erzählt er, sei im Osten deshalb komplett einfach gewesen. „Du musst die Leute abholen. Du musst in die Kneipen fahren, du machst Veranstaltungen.“ Politik als Präsenzarbeit. Die CDU habe das jahrelang nicht gemacht, sei „teilweise faul“. Es ist ein Handwerkerwort. Es meint nicht moralische Trägheit, sondern: Wer nicht rausfährt, verliert Kunden. Wer nicht hingeht, verliert Stimmen.

Weißwasser ist von Industriebrachen geprägt – im Hintergrund das noch aktive Glaswerk von Stölzle Lausitz, bekannt für seine Trinkgläser

Weißwasser ist von Industriebrachen geprägt – im Hintergrund das noch aktive Glaswerk von Stölzle Lausitz, bekannt für seine Trinkgläser

© Markus Wächter/Ostdeutsche Allgemeine

Gegen die Entwertung

Chrupalla wirkt in diesen Momenten wie jemand, der ständig dagegen anschreibt, wie man ihn einordnet. Er kennt die Fremdetikettierungen: AfD-Wähler als „Niedriggebildete“, „Jogginghosen-Träger“, „Abgehängte“, „Frustrierte“. Er zählt diese Worte fast wie auswendig auf und sagt, dieser Slang halte sich hartnäckig. Darin liegt ein biografisches Thema, das in seinen Reden immer mitschwingt – die Entwertung.

Nicht nur von Regionen, nicht nur von Lebensläufen, sondern von Menschen, die in der DDR aufgewachsen sind und sich nicht damit abfinden wollen, dass ihr Leben rückblickend wie eine Fußnote behandelt wird. DDR als banale Schablone statt als erlebte Wirklichkeit mit Arbeit, Familie, Schwimmbad, Alltag.

Der Malermeister Tino Chrupalla bei der Renovierung von Schloss Muskau. Bislang noch unbekannt: Chrupalla hinterließ seine Initialen in Schloss Muskau.

Der Malermeister Tino Chrupalla bei der Renovierung von Schloss Muskau. Bislang noch unbekannt: Chrupalla hinterließ seine Initialen in Schloss Muskau.

© Lausitzer Rundschau

Er selbst ist dafür Projektionsfläche. Geboren 1975 in Ostsachsen, in Weißwasser/Krauschwitz, ohne Universitätsabschluss, ohne klassische Parteijugendlaufbahn und ohne Berliner Netzwerk, in das man hineinwächst. Stattdessen Lehre, Meisterschule, ein eigener Betrieb als Maler- und Lackierermeister.

Der politische Aufstieg folgt schnell: Eintritt in die AfD 2015, Bundestag 2017, Parteivorsitz 2019, Fraktionsvorsitz seit 2021 an der Seite von Alice Weidel. Man kann das als Karrieremärchen lesen oder als Anomalie im politischen Betrieb. Chrupalla selbst erzählt es anders. Für ihn ist es die Konsequenz einer Region, in der man gelernt hat, dass Gewissheiten jederzeit kippen können.

Später am Abend, als das Gespräch andere Themen streift, blitzt diese Abwehr gegen Entwertung noch einmal schärfer auf, in seiner Skepsis gegenüber verkürzten Zitaten. Chrupalla spricht über verkürzte Zitate und nennt einen Satz, der ihm nachhängt: „Putin hat mir nichts getan.“ Er sagt ihn langsam, fast tastend, und man hört, wie sehr ihn stört, dass daraus ein „Hauptsatz“ gemacht wurde. Nicht Außenpolitik steht hier im Vordergrund, sondern das Prinzip. Aus einem Gespräch wird ein Einzeiler, aus dem Einzeiler ein Bild.

Das mag seinen Ton erklären. Chrupalla spricht ruhig, knapp, oft vorsichtig. Nicht aus Mangel an Haltung, sondern aus dem Wissen, wie schnell ein Wort zum Etikett wird.

Der unauffällige Stil

Am nächsten Morgen, im Frühstücksraum des Hotels, ist alles an ihm unauffällig. Sportliche Trekking-Schuhe, ein hellblauer Feinstrickpullover mit V-Ausschnitt. Am Handgelenk eine Omega, keine Glashütte, eher solide Marke als ostdeutsche Luxussignatur. Es ist der Stil, den man genauso gut in der Supermarktschlange tragen könnte.

„Wenn ich zu Leuten in die Betriebe gehe“, sagt er, „möchte ich nie den Eindruck des abgehobenen Politikers erwecken.“ Er komme selbst daher. Auf die Frage, ob er inzwischen Establishment sei, antwortet er, man müsse erst klären, was das überhaupt heißen soll. Er habe sich nie verändert, sei so geblieben, wie er schon immer war. Politik sei auf Zeit, nichts sei bis zur Rente garantiert. Es klingt wie eine Handwerkerregel: Du kannst dich nicht darauf verlassen, dass der Auftrag bleibt. Du musst wissen, wo du herkommst, weil du vielleicht wieder dahin zurückmusst.

Angesprochen auf seine Rolle als Vermittler zwischen den „Flügeln“, korrigiert er sofort. Flügel sage er nicht. Er spricht von politischen Strömungen und begründet das nicht ideologisch: Begriffe seien mittlerweile juristische Bezeichnungen. Der Normalo, der weiß, wie schnell in Berlin ein Wort zur Akte werden kann.

Tino Chrupalla im Dienstfahrzeug der Marke Mercedes unterwegs durch die Oberlausitz.

Tino Chrupalla im Dienstfahrzeug der Marke Mercedes unterwegs durch die Oberlausitz.

© Markus Wächter/Ostdeutsche Allgemeine

Ordnung halten in einer unruhigen Partei

In solchen Momenten wirkt Chrupalla wie jemand, der innerparteilich nicht nur Figur, sondern Klammer ist. Es gibt Politiker, die nach außen glänzen. Es gibt Politiker, die nach innen ordnen. Chrupalla spricht über Weidel nicht schwärmerisch, nicht distanziert, sondern funktional: „Das ergänzt sich ja sehr gut.“ Es gebe überhaupt keine Distanz. Der Eindruck werde gerne genutzt, um sie auseinanderzuschreiben. Die Beziehung sei gut, man wisse, wie der andere ticke – manchmal reiche ein Blick, um zu verstehen, was der andere denke.

Damit ist auch eine alte AfD-Geschichte berührt, die Chrupalla nicht breit erzählt, die aber in seiner Rolle mitschwingt. In den Anfangsjahren trat die Partei gern professoral auf, als Projekt von Ökonomen und akademischen Besserwissern. Viele dieser Figuren sind verschwunden, darunter auch der frühere Parteichef Jörg Meuthen. Der Professor, der die AfD lange bürgerlicher machen wollte, steht für eine Phase, die im Osten nie wirklich getragen hat. Chrupalla spricht nicht hämisch darüber, aber es ist offensichtlich, dass seine Art von Autorität eine andere ist. Sie kommt nicht aus Seminarräumen, sondern aus Milieus, in denen man nach dem Ergebnis fragt.

Und damit stellt sich die Frage, ob die AfD im Osten ohne Tino Chrupalla überhaupt mobilisierend wäre. Ohne einen Vorsitzenden aus Weißwasser, geboren in der DDR, ohne Universitätsabschluss, ohne Parteijugendlaufbahn, aber mit einem Betrieb, mit Kunden, mit Rechnungen. Chrupalla ist nicht der lauteste Kopf der Partei, nicht ihr medialer Star und nicht ihr ideologischer Antreiber. Aber er ist derjenige, der die AfD für viele im Osten anschlussfähig macht, weil er die Sprache einer Region spricht, in der politische Loyalität nie selbstverständlich war und Enttäuschung schnell zum Rückzug führt. In Weißwasser kennt man ihn als Malermeister. In Görlitz ruft man ihn beim Vornamen. In Berlin ist er einer, der nicht ganz dazugehört. Genau darin liegt seine politische Funktion.

Sobald das Gespräch auf das sogenannte Vorfeld kommt, verändert sich sein Ton noch einmal. Er sagt, dass es mittlerweile ein breites Feld an Unterstützern und damit auch Wählern gebe. In seinem Alltag als Partei- und Fraktionschef fänden diese Begegnungen fast ausschließlich bei Wahlkampfveranstaltungen statt. Er sei weder regelmäßig in Schnellroda gewesen noch Teil eines engeren Zirkels.

Götz Kubitschek beschreibt er nicht als Taktgeber, sondern als erfolgreichen Verleger, als jemanden, der Bücher verkauft und einen Verlag betreibt. Ein Vorfeld könne publizieren, kommentieren, Resonanz erzeugen. Programmarbeit, Personalfragen und Ausrichtung seien aber Aufgaben der Partei selbst, ihrer Gremien, ihrer gewählten Strukturen. Das sei keine Geschmacksfrage, sondern eine Frage der Zuständigkeit.

Chrupalla denkt hier nicht in Sympathien, sondern in Verantwortlichkeiten. Er spricht wie jemand, der die Aktenlage mitdenkt.

Es gehe nicht darum, jemandem zu gefallen oder sich abzugrenzen, sondern darum, die Partei handlungsfähig zu halten. Führung könne dann auch bedeuten, Grenzen zu ziehen, auch wenn es intern unpopulär sei. Man müsse es dem Staat, den Gerichten und den Behörden nicht leichter machen, als es ohnehin sei, und man müsse vermeiden, zusätzliche Angriffsflächen zu liefern.

Der Blick des Handwerkers

Kurz darauf geht es im Dienstwagen durch Weißwasser. Der Blick aus dem Fenster zeigt brachliegende Flächen, ehemalige Industrieareale, Orte, die früher Arbeit und Identität bedeuteten. 16 Mitarbeiter zählt der letzte Spezialglasbetrieb; die größere Stölzle-Glasfertigung ist der andere Betrieb, der die Restrukturierung überlebt hat. Was macht das mit ihm?

Kurz mal Zeit für sich: Tino Chrupalla im Frühstücksraum, unauffällig gekleidet mit sportlichen Schuhen, hellblauem Pullover und einer Omega-Armbanduhr.

Kurz mal Zeit für sich: Tino Chrupalla im Frühstücksraum, unauffällig gekleidet mit sportlichen Schuhen, hellblauem Pullover und einer Omega-Armbanduhr.

© Markus Wächter/Ostdeutsche Allgemeine

Chrupalla antwortet nicht sentimental, sondern strukturell. Das sei ein Sinnbild für den Osten. Wenn die letzten Wertschöpfungen verschwinden, komme keine Jugend, bleibe keine Jugend. Man sehe, wie die Region stirbt. Dann schiebt er leiser nach: Das sei trotzdem eine große Heimat, ein Bezirk, in dem man groß geworden sei. Heimat und Strukturbruch stehen bei ihm nebeneinander, ohne dass er sie voneinander trennt.

In der letzten Spezialglasfabrik zeigt sich Chrupallas Blick auf Politik am klarsten. Er spricht nicht über Symbolik, sondern über Abläufe: Lieferketten, Personal, Investitionen. „16 Mitarbeiter – das ist ja kein Betrieb mehr, das ist wieder ein Start-up“, sagt er. Wachsen könne man schon, aber nur mit Kapital und Leuten. Beides fehle. Damit beschreibt er, ohne große Worte, das Grundproblem vieler ostdeutscher Strukturprogramme: Ideen gibt es genug, doch Geld und Arbeitskräfte kommen nicht von selbst zurück.

Stillstand zerstört Beziehungen. Ein Betrieb, der lange steht, steht nicht einfach nur. Er verliert auch seine Umgebung. Und dann müsse man bei null anfangen.

Später, in den Gesprächen über Deindustrialisierung, kommt etwas, das man in Porträts selten so nüchtern hört: „Wir haben ja noch nicht mal den Rückgang gestoppt.“ Es gebe zarte Pflänzchen der Erholung, aber das reiche nicht. Das ist Chrupallas Politik in einem Bild: Erst den Boden sichern, dann pflanzen.

Und in einem Nebensatz wird klar, wie sehr er diese Region nicht nur politisch, sondern biografisch liest. „Ich hatte eine schöne Kindheit in der DDR“, sagt er, und nennt als Lieblingsort das Schwimmbad in Krauschwitz. Er bekräftigt damit, dass DDR nicht automatisch das definierende Etikett sein muss, sondern gelebte Normalität sein kann, und dass die biografische Lebensleistung nicht nachträglich entwertet werden darf, nur weil sie im Osten begann.

Auf die Frage, welchen Politiker aus dem Osten er geschätzt habe, nennt er überraschend nicht einen Konservativen, sondern Regine Hildebrandt – eine Sozialdemokratin aus Woltersdorf bei Berlin. „Die sprach, wie ihr der Schnabel gewachsen war. Authentisch, das gefiel mir.“ Es ist ein Satz, der mehr über sein Politikverständnis verrät als jedes Strategiepapier.

Er erzählt auch von den 90ern, und auch da passt er nicht ins Klischee vom Absturz. „Das hat Spaß gemacht“, sagt er. „Man konnte sich was leisten mit dem Geld. Man hat was bekommen für das Geld.“ Es klingt nach Aufbruch, nach einem Moment, in dem Leistung und Ergebnis noch zusammenpassten. Dann erklärt er daraus sein politisches Programm: „Das Geschäftsmodell muss erstmal die Rahmenbedingungen schaffen, damit überhaupt Investoren hierherkommen.“ Nicht moralisch, nicht kulturell, sondern wirtschaftlich: Einkommen, Arbeitsplätze, Perspektive. Erst dann, sagt er, kommen Menschen. Und bleiben.

Aufstieg ohne Seminar

Auf dem Weg nach Bad Muskau ändert sich das Bild. Die Lausitz zeigt sich touristischer. Chrupalla erzählt von seiner Malerfirma und von seinen sichtbaren Spuren. An Gebäuden. Auch an der Sanierung des Schlosses von Fürst Pückler in Bad Muskau sei er acht Jahre lang beteiligt gewesen. Er sagt den Satz mit trockenem Understatement: „Da habe ich mich dumm und dusslig dran verdient.“ Man kann ihn leicht als Prahlerei lesen, aber in seinem Ton klingt er eher wie der Satz eines Mannes, der stolz ist, dass Arbeit sich einmal gelohnt hat. Dass man etwas umkrempeln kann, weil man gelernt hat, die Ärmel hochzukrempeln. Und am Ende steht da ein präsentables touristisches Juwel, wo vorher eine ruinöse Hülle war.

Das ist der Moment, in dem sein Image als „Handwerker aus der Provinz“ nicht mehr wie eine PR-Erzählung wirkt, sondern wie eine Biografie, die man anfassen könnte. Der Handwerker, der über Aufbau nicht nur spricht, sondern ihn an Wänden und Fassaden hinterlassen hat. Der regionale Aufsteiger, nicht über Parteijugend, nicht über Stiftungen und Seminare, sondern über Betrieb und Milieu.

Zwischen Schloss und Café tauchen alte Spuren auf: Fotos, Zeitungsausschnitte, ein Bild von ihm als Maler, ein Artikel aus der Lausitzer Rundschau. Und sofort wird er wieder praktisch: Rechte, Nutzung, Zusendung. Es ist, als würde er seine Vergangenheit nicht romantisieren, sondern verwalten wie Material in der Werkstatt: brauchbar, aber nicht auszustellen.

Nähe statt Symbolik

Im Schlosscafé wird die Atmosphäre weicher. Der Betreiber aus Nordindien führt das Café auch außerhalb der Saison. Draußen Schnee, Eis, Niesel. Drinnen Wärme, Deko, Hingabe. Der Betreiber ringt kurz mit sich, fragt dann: „Sind Sie nicht Tino Chrupalla?“ Er freut sich und bittet um ein Foto. Er erzählt, dass er an der BTU Cottbus-Senftenberg studiert habe, Umweltingenieur, und dass er hier am Rand Ostdeutschlands seine Chance sehe.

Schlosscafé Bad Muskau: Tino Chrupalla und der Café-Betreiber Gurinder Singh.

Schlosscafé Bad Muskau: Tino Chrupalla und der Café-Betreiber Gurinder Singh.

© Markus Wächter/Ostdeutsche Allgemeine

Es ist ein Moment, in dem das Politisch-Ideologische tatsächlich in den Hintergrund tritt. Es wirkt weniger wie „AfD-Chef trifft Migranten“ als wie zwei Aufsteiger, die den Wert von Arbeit kennen. Chrupalla wirkt nicht herablassend, eher sachlich interessiert. Es wird nach Orten gefragt, nach Cottbus, nach Lokalem.

In kleinen Kommunen, wo alle wegziehen, eröffnen oft Inder. Ist das nicht auch eine Chance? Chrupalla bremst schon beim Wort „oft“. „Schon einige“, sagt er, aber nicht als Regel. Und dann dreht er die Logik um: Wenn Deutsche abwandern und man daraus schließt, man brauche Migration, sei das Quatsch. Die eigentliche Frage sei: „Was sind denn die Gründe, warum Leute weggehen?“ Warum sollten Migranten kommen, wenn die Bedingungen gleich bleiben? „Die bleiben ja auch nicht hier.“ Am Ende gehe es um „Einkommens- und Arbeitsplatzbedingungen“.

Misstrauen als Erfahrung

Später, im nahegelegenen Gablenz, geht es kurz weg von der Politik. Chrupalla führt seinen braunen Labrador Molly aus, ein paar Schritte an der frischen Luft. „So heißt übrigens auch der Hund von Markus Söder“, bemerkt er mit einem Augenzwinkern. Er wirkt gelöst. Als Fotos gemacht werden, sagt er lächelnd: „Wir haben schöne Hundebilder, oder?“ Es klingt nicht kalkuliert, eher wie das Eingeständnis, dass Privates in seinem Alltag selten geworden ist.

Auch in kleinen Gesten zeigt sich seine Haltung. In der Fraktion duzt er fast alle, „außer Herrn Gauland“, aus Respekt. Nähe ist bei ihm der Normalfall, Distanz die Ausnahme. Vielleicht erklärt das, warum ihn viele schlicht Tino nennen. Weniger als Marke, mehr als Gewohnheit einer Region, in der Titel wenig zählen.

Zum Abschluss sitzt man in der Bäckerei Dreißig, einem der letzten Orte, an denen hier noch alle zusammenkommen. Es ist warm, voll, es riecht nach Kaffee, Kakao und Bockwurst. In der Ecke steht ein Zeitungsständer mit der Frankfurter Allgemeinen. Jemand sagt: „Die kauft hier keiner.“ Der Ständer ist leer. Chrupalla kommentiert das nicht weiter, es bleibt bei einer beiläufigen Feststellung.

Was hier fehlt, ist weniger eine Zeitung als eine authentische Stimme. Umso gespannter wartet man auf ein Blatt, das von hier erzählt – eine ostdeutsche Zeitung von und für Ostdeutsche, die diese Leerstelle füllen könnte: „Vielleicht schafft das die Ostdeutsche Allgemeine?“

Über Medien spricht er nüchtern. Die Ausgewogenheit sei ein Problem. In Talkshows säßen zu oft Journalisten mit Journalisten, immer dieselben Gesichter, immer dieselben Runden, die sich „gegenseitig in ihrer Meinung bestätigen“. Das ermüde. Den öffentlich-rechtlichen Rundfunk will er nicht abschaffen, aber „modernisieren und eindampfen“. Warum zwei Sender dasselbe Ereignis begleiteten, erschließe sich ihm nicht.

Dann wieder der Ostblick. Medienverdrossenheit sei hier stärker ausgeprägt, lokale Zeitungen hätten noch Bindung, aber auch die nehme ab. Es seien vor allem ältere Leser. Zu wenige Ostdeutsche in Redaktionen und Führungsetagen? „Absolut.“ Und schließlich ein Satz, der viel über sein Selbstbild sagt: Er sei oft „der eine“ oder „der letzte Ostdeutsche“ an Parteispitzen.

Nicht reduziert werden

Man spürt, dass diese Repräsentationsfrage für ihn keine bloße Kulturdebatte ist, sondern eine biografische Erfahrung. Der Osten als Rand, der Westen als Bühne, und er als einer, der sich weigert, dort nur als Provinzfigur gelesen zu werden.

Das ist die heimliche Achse dieses Tages. Chrupalla wirkt weniger wie jemand, der Politiker werden wollte, als wie einer, der sich gegen Reduktion behauptet. Gegen den einen Satz, der hängen bleibt, gegen Begriffe, die juristisch werden, gegen das Bild vom „mittelmäßigen Provinztyp“.

Und doch lebt er genau von dieser Biografie. In einer Wählerlandschaft ohne feste Bindungen wächst das Bedürfnis nach jemandem, der nicht als Ausnahmefigur erscheint, sondern aus der Mitte kommt, kein Eliteprodukt, sondern geprägt von seinem ostdeutschen Umfeld. Die akademischen Figuren, die Parteien lange dominierten, wirken hier wie Archetypen eines vergangenen  Zeitgeistes. Chrupalla steht für ein Gegenmodell, das weniger aus Seminaren kommt als aus Milieus, in denen Ergebnis und Verlässlichkeit zählen.

Zwischen Omega am Handgelenk und leerem FAZ-Ständer, zwischen Schlosspark und Hundeleine, zwischen Stilllegung und „zarten Pflänzchen“ entsteht so ein Porträt ohne große Geste, aber mit wiederkehrenden Mustern: der Handwerkerblick auf Rahmenbedingungen; der Ortsmensch, der Zahlen aus dem Kopf kennt, weil sie seine Straße erklären; die Begriffsstrenge, die sich gegen Vereinnahmung schützt; das Medienmisstrauen als Abwehr gegen Verkürzung; der unauffällige Stil als Anti-Inszenierung; und der regionale Aufsteiger, der am Schloss nicht Symbolik sieht, sondern Arbeit.

Begleitet man ihn eine Zeit lang, ist das vielleicht die überraschendste Erkenntnis: Bei Tino Chrupalla ist Politik weniger ein Kampf um Deutung als ein Kampf darum, nicht ausgegrenzt zu werden. Und genau deshalb passt dieser Mann aus Weißwasser zu einer Partei, die im Osten auf Stimmen trifft, die ebenso wenig ausgegrenzt werden wollen.

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